Zum Inhalt springen
Startseite » News » Erfolgsfaktor Angriffsfläche

Erfolgsfaktor Angriffsfläche

    Wege zu einer nachhaltigen Reduktion

    Der Angriff, der durch eine längst vergessene Testmaschine möglich wurde

    Das Red Team war eigentlich schon durch mit seiner Aufklärungsphase. Alles sah solide aus. Die Firewall war modern, das Patch-Management funktionierte, und das Unternehmen hatte die letzten Jahre viel Energie in Sicherheitskonzepte gesteckt. Die üblichen Einstiegspunkte führten ins Leere.

    Doch dann tauchte eine IP-Adresse auf, die in keiner aktuellen Dokumentation stand. Ein veraltetes Staging-System. Niemand erinnerte sich daran. Kein Monitoring, kein Logging, kein Verantwortlicher. Die Maschine lief seit Jahren unbeachtet in einem dunklen Winkel des Netzes, bescheiden, unscheinbar, aus Sicht der IT ohne Bedeutung.

    Für das Red Team war sie der Jackpot. Ein alter Admin-Account ohne MFA. Ein unverschlüsselter Dienst, der nie aus dem Testbetrieb herausgehärtet wurde. Und keine Netzwerksegmentierung, die den Zugriff hätte einschränken können.

    Wenige Minuten später befand sich das Team tief im Produktivnetz.

    Nicht durch einen spektakulären Zero-Day. Nicht durch einen ausgefeilten Exploit. Sondern durch etwas, das viele Unternehmen als „Kleinigkeit“ betrachten und deshalb übersehen. Genau so entstehen reale Angriffe: nicht durch das, was man stark absichert, sondern durch das, was jemand längst vergessen hat.


    Angriffsfläche als strategische Größe: Was Unternehmen oft falsch verstehen

    Viele Organisationen betrachten Angriffsfläche als eine rein technische Größe. Ein Zustand, den man messen, dokumentieren und mit Tools reduzieren kann. In der Realität entsteht Angriffsfläche jedoch viel früher – lange bevor ein Scanner startet oder ein Pentest beginnt.

    Angriffsfläche ist kein technischer Zustand, sondern ein Organisationsprodukt. Jede Prozessentscheidung, jede Abkürzung, jede Priorisierung beeinflusst sie. Systeme entstehen, weil Projekte schnell vorankommen müssen. Dienste bleiben bestehen, weil niemand sie abschaltet. Accounts bleiben aktiv, weil das Offboarding nicht sauber läuft.

    Das bedeutet: Angriffsfläche ist immer ein Spiegel der Organisation. Und dieser Spiegel zeigt oft eine andere Realität als die offiziellen Systeme.

    Hinzu kommt: Angriffsfläche wächst dauerhaft, selbst wenn nichts „Neues“ eingeführt wird. Moderne Unternehmen bestehen aus Abhängigkeiten, Cloud-Metadaten, SaaS-Produkten, API-Integrationen, Dienstleistern, Schatten-IT und temporären Tools, die erstaunlich langlebig werden. Neue Verbindungen entstehen automatisch. Alte Systeme sterben nie wirklich, sie verschwinden nur aus dem Blickfeld.

    Hier entsteht die größte Wahrnehmungslücke. Unternehmen sehen ihre offizielle Architektur. Angreifer sehen die tatsächliche Exposition. Das ist, als würde man selbst aus dem Fenster schauen und das gepflegte Firmengebäude sehen – während Angreifer ein Fernglas benutzen und jedes Detail wahrnehmen, das im Schatten der modernen Infrastruktur verborgen liegt.


    Die wichtigsten Einflussfaktoren auf die Angriffsfläche – ein realitätsnaher Überblick

    Um Angriffsfläche zu verstehen, reicht es nicht, technische Listen zu betrachten. Es geht um Gewohnheiten, Strukturen und Muster, die sich langsam und oft unbeabsichtigt entwickeln.

    Asset-Wildwuchs: Der unsichtbare Zoo der Infrastruktur

    Ein modernes Unternehmen besitzt nicht nur Server. Es besitzt Clients, Container, Microservices, IoT-Geräte, Cloud-Instanzen, SaaS-Anwendungen, Testsysteme, Build-Pipelines und temporäre Entwicklungsmaschinen. Viele davon werden nie in einer zentralen Liste auftauchen. Sie leben wie Tiere in einem Zoo, den niemand vollständig gesehen hat.

    Technische Altlasten

    Kaum etwas erzeugt mehr Angriffsfläche als Systeme, die „noch kurz“ online bleiben sollten. Alte Webanwendungen, verwaiste DNS-Einträge, abgelaufene Zertifikate, Protokolle, die vor zehn Jahren Standard waren, heute aber sicherheitstechnisch kaum haltbar sind. Angreifer lieben diese Altlasten, weil sie selten jemanden interessieren – außer jenen, die sie ausnutzen.

    Fehlkonfigurationen und Standard-Setups

    Die meisten Angriffe entstehen nicht durch komplexe Exploits, sondern durch einfache Fehler. Ein zu weit gefasster Zugriff. Ein offener Port, der nie hätte extern sein sollen. Ein Dienst, der mit Default-Passwort läuft, weil das Setup damals schnell gehen musste.

    Es sind die alltäglichen Entscheidungen, die Angriffsfläche erzeugen – nicht die exotischen Ausnahmen.

    Fehlende Sicherheitsprozesse in Projekten

    Viele Angriffswege entstehen in Projekten, die ohne Security-Gate live gehen. Fachabteilungen, die schnell Ergebnisse liefern müssen. Entwickler, die Testsysteme brauchen. Integrationen, die unter Zeitdruck entstehen.

    Ohne definierte Sicherheitsprozesse entstehen Systeme, die niemand offiziell verantwortet. Und alles, was keiner verantwortet, wird früher oder später zur Angriffsfläche.

    Menschliche Faktoren

    Zeitdruck, Routine und der Wunsch, pragmatisch zu sein, sind starke Kräfte. Systeme werden „nur kurz“ online gelassen, Dienste „nur kurz“ aktiviert, Accounts „nur kurz“ angelegt. Aus „kurz“ werden Monate, manchmal Jahre. Und niemand merkt es, weil es funktioniert.


    Sichtbarkeit ist Macht: Warum Asset-Transparenz der Dreh- und Angelpunkt ist

    Wer Angriffsfläche reduzieren will, braucht zuerst einen realistischen Überblick. Ohne Inventar kein Risikomanagement. Man kann nur schützen, was man kennt, und man kann nur priorisieren, was man sieht.

    Scans und Pentests sind wertvoll, aber sie ersetzen kein Asset-Register. Sie basieren darauf. Wenn das Register unvollständig ist, sind auch die Ergebnisse unvollständig – oft genau dort, wo es am gefährlichsten wird.

    Es gibt zwei Angriffsflächen-Welten: die interne und die externe. Viele Unternehmen konzentrieren sich auf die interne Welt – Server, Clients, interne Dienste. Die externe Welt, also alles, was irgendwie am Internet hängt, ist jedoch oft viel unübersichtlicher. Cloud-Ressourcen entstehen automatisiert. SaaS-Dienste schaffen neue Endpunkte. Zertifikate zeigen Dienste, die längst niemand mehr aktiv nutzt.

    Moderne Transparenz-Werkzeuge wie Attack Surface Management, CMDBs oder Discovery Tools können helfen. Aber Transparenz ist kein Projekt, sondern ein Prozess. Die Infrastruktur ändert sich ständig. Das Inventar muss genauso dynamisch sein.


    Mini-Szenario: Drei unscheinbare Schwachstellen – ein tödlicher Angriffspfad

    Ein Unternehmen besitzt einen alten Server, der nie abgeschaltet wurde. Ein einzelner Port ist offen. Niemand weiß, wofür. Das ist die erste Schwachstelle.

    In einem internen Tool existiert ein Default-Passwort, das nie geändert wurde, weil das System nie produktiv genutzt wurde. Das ist die zweite Schwachstelle.

    Das Netzwerk ist kaum segmentiert. Wer einmal drin ist, kommt weit. Das ist die dritte Schwachstelle.

    Jede Schwachstelle für sich wirkt nicht dramatisch. Zusammen bilden sie einen perfekten Angriffspfad. Der offene Port liefert den Einstieg. Das Default-Passwort verschafft den ersten Schwung. Die fehlende Segmentierung macht aus einem kleinen Problem eine große Katastrophe.

    Angriffsfläche entsteht selten aus einzelnen Fehlern. Sie entsteht aus Ketten – und diese Ketten entstehen aus kleinen Dingen.


    Hardening als kontinuierlicher Prozess statt Einmal-Aktion

    Hardening scheitert in vielen Unternehmen aus denselben Gründen. Es wird als Projekt verstanden. Einmal Konfigurationen überprüfen, einmal alles härten, einmal Standards festlegen. Danach ist das Thema „abgeschlossen“.

    Aber Hardening lebt nicht von einmalig gesetzten Konfigurationen. Es lebt von Stabilität. Von Wiederholung. Von Kontrolle.

    Secure-by-Default klingt selbstverständlich. Doch viele Systeme kommen mit Konfigurationen, die eher den schnellen Einstieg als den sicheren Betrieb unterstützen.

    Die Bereiche, in denen Hardening wirklich wirkt, sind nicht einmal exotisch. Sie sind zentral:

    • Identitäts- und Berechtigungssysteme
    • Remote-Access
    • Exponierte Dienste
    • Endpunkte in sensiblen Zonen

    Wenn Hardening nicht überwacht wird, verliert es seine Wirkung. Drift entsteht automatisch. Updates verändern Konfigurationen. Teams passen Einstellungen an, um Probleme zu lösen. Jede Änderung kann Sicherheit verschlechtern – oder verbessern.


    Die unsichtbaren Helfer: Prozesse, die Angriffsfläche beeinflussen

    Technik allein reduziert keine Angriffsfläche. Prozesse tun es.

    Change-Management wirkt langweilig, ist aber einer der wichtigsten Sicherheitsfaktoren. Jede unkontrollierte Änderung schafft potenzielle neue Angriffswege.

    Onboarding und Offboarding sind Klassiker. Jeder vergessene Account, jede liegengebliebene Berechtigung ist ein neuer potenzieller Einstiegspunkt.

    Patch- und Update-Prozesse sind häufig diffus. „Regelmäßig“ ist kein definierter Begriff. In manchen Unternehmen bedeutet es alle zwei Wochen, in anderen alle sechs Monate. Ohne klare Standards entstehen Lücken, die sich Angreifer gezielt zunutze machen.

    Lieferanten und Dienstleister erweitern die Angriffsfläche automatisch. Jede externe Integration ist ein neuer Kontaktpunkt, oft mit wenig Sichtbarkeit.


    Myth-Busting: Was Angriffsfläche nicht ist

    Angriffsfläche ist kein Pentest-Ergebnis. Ein Pentest zeigt nur eine Momentaufnahme. Sie ist kein rein externes Problem. Sie ist nicht nur ein technischer KPI. Und sie kann nie vollständig eliminiert werden.

    Angriffsfläche ist eine dynamische Größe, die entsteht, wächst, schrumpft und sich verändert. Wer sie wirklich reduzieren will, muss sie als kontinuierliche Aufgabe verstehen.


    Wie Unternehmen Angriffsfläche nachhaltig reduzieren – ein praxistauglicher Leitfaden

    Nachhaltige Reduktion entsteht auf mehreren Ebenen. Keine davon ist allein wirksam.

    Die erste Ebene ist Transparenz. Discovery, Asset-Register, Ownership. Erst wenn klar ist, welche Systeme existieren, kann man priorisieren.

    Die zweite Ebene ist technische Hygiene. Hardening, Patchen, Entfernen nicht benötigter Funktionen. Das ist die klassische Security-Arbeit, die einen Großteil der Angriffsfläche reduziert.

    Die dritte Ebene ist der Prozess. Release-Prozesse, Deployment-Standards, Security Gates. Alles, was verhindert, dass unsaubere Systeme überhaupt live gehen.

    Die vierte Ebene ist der Mensch. Klar definierte Verantwortlichkeiten, Awareness, Kultur. Mitarbeiter müssen verstehen, welche Entscheidungen Angriffsfläche beeinflussen.

    Die fünfte Ebene ist Kontrolle. Monitoring, Drift-Erkennung, regelmäßige Reviews. Ohne laufende Kontrolle verliert jede Maßnahme mit der Zeit ihre Wirkung.


    Fallbeispiel: Ein Unternehmen halbiert seine Angriffsfläche – nicht durch Tools, sondern durch Struktur

    Ein Unternehmen kämpft jahrelang mit einer immer größer werdenden IT-Landschaft. Systeme verschwinden in Vergessenheit, neue Dienste entstehen unkontrolliert. Incidents häufen sich. Pentests zeigen jedes Jahr ähnliche Lücken. Tools werden eingeführt, aber sie lösen das Kernproblem nicht.

    Der Wandel beginnt, als das Unternehmen sein Asset-Inventory aktualisiert – nicht als Projekt, sondern als Prozess. Danach folgen Hardening-Standards, die für jede neue Systeminstanz gelten. Onboarding wird überarbeitet, Offboarding automatisiert. Release-Prozesse werden so angepasst, dass Security ein natürlicher Bestandteil wird.

    Monitoring erkennt Drift frühzeitig. Reviews finden regelmäßig statt. Innerhalb eines Jahres entstehen weniger neue Angriffswege. Nicht, weil mehr gepatcht wurde, sondern weil weniger unkontrollierte Systeme existieren.


    Der Blick eines Angreifers: Warum kleine Fehler große Türen öffnen

    Angreifer suchen keine spektakulären Lücken. Sie suchen Gelegenheiten. Ein veraltetes Zertifikat. Eine offene Testmaschine. Ein schwaches Passwort. Ein nicht segmentiertes Netz.

    Aus Angreifersicht ist Sicherheit kein Bollwerk, sondern eine Landschaft aus Möglichkeiten und Hindernissen. Viele kleine Hürden sind wirksamer als ein großes Schloss. Viele kleine Fehler sind oft gefährlicher als ein großer.


    Fazit: Angriffsfläche ist kein Schicksal – sie ist gestaltbar

    Angriffsfläche ist ein zentraler Erfolgsfaktor für Sicherheit. Sie entsteht aus Technik, Struktur und Verhalten. Und sie lässt sich beeinflussen – jeden einzelnen Tag.

    Wer Angriffsfläche als Haltung versteht, nicht als Zustand, schafft nachhaltige Sicherheit. Transparenz, Struktur, Kultur und kontinuierliche Pflege machen aus einer unübersichtlichen IT-Landschaft eine stabile Grundlage.

    Angriffsfläche ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis der Organisation. Und damit auch eine Chance.